What's Next in der Personaldienstleistung: Insolvenzen, Netzwerk & Marktmacht – Liebe Zeitarbeit

Marcus Haase (DIS AG) über 500 Insolvenzen 2025, Netzwerk-Kooperationen, AZAV-Qualifizierung und die Zukunft der Personaldienstleistung mit KI. Jetzt reinhören.

Das Wichtigste in Kürze

Insolvenzen 2025: Warum die Branche so unter Druck steht

Die Zahlen sind eindeutig: Nach 350 Insolvenzen im Jahr 2024 erwartet Daniel Müller für 2025 rund 500 Insolvenzen unter deutschen Personaldienstleistern. Die Großen profitieren, die Kleinen kämpfen ums Überleben. Das hat strukturelle Gründe: dünne Margen, lange Zahlungsziele (Daniel berichtet von Siemens mit 120 Tagen, perspektivisch 150), steigende Tariflöhne mehrfach pro Jahr und ein insgesamt schrumpfender Zeitarbeitsmarkt.

Marcus Haase, Vorstand der DIS AG und seit 26 Jahren im Unternehmen, bestätigt im Podcast: 2025 war für den Gesamtmarkt schwierig, die DIS AG selbst konnte aber gegen den Trend leicht wachsen. „Die Branche ist stark reduziert worden in den letzten Jahren, insbesondere was das Thema Zeitarbeit angeht – wir müssen einfach neue Wege gehen”, so Haase.

Auch das Thema Subsidiärhaftung verschreckt Kunden: Bei Insolvenz eines Dienstleisters mit offenen Lohnsteuern haftet der Endkunde mit. Genau deshalb sortieren sich Kundenunternehmen aktuell neu – Sicherheit schlägt Preis.

Netzwerk statt Verdrängungswettbewerb: Daniels deutliche Ansage

Daniel legt im Gespräch den Finger in die Wunde: „60 bis 70 Prozent der Insolvenzen müssten nicht sein, wenn die Personaldienstleister untereinander besser vernetzt wären.” Der eine hat Aufträge im Überhang, der andere Mitarbeiter – warum teilt man sich nicht die Marge, statt das Geschäft platzen zu lassen?

Wichtig: Es geht nicht um Kettenverleih (der ist nach AÜG unzulässig). Es geht um Auftragsweitergabe, gemeinsame Master-Vendor-Strukturen und Ko-Lieferanten-Modelle. Marcus Haase bestätigt: „Über Zusammenarbeit können wir mehr bewegen.” Die Adecco Group lebt das intern bereits zwischen ihren Marken vor.

Daniels Erfahrung aus dem GVP-Kongress und seinem eigenen Netzwerk: Wenn er Dienstleister mit 200 offenen Aufträgen mit Kollegen verbindet, die 200 Kandidaten suchen, entsteht sofort Geschäft. Das Problem: Viele Inhaber denken noch im alten „meins, meins, meins”-Modus. Wer das überwindet, hat einen klaren Wettbewerbsvorteil – und genau diesen Austausch fördert der Liebe Zeitarbeit Club gezielt.

AZAV und das Zwei-Türen-Modell der DIS AG

Eines der konkretesten Zukunftsmodelle, das Marcus Haase im Podcast vorstellt: das Zwei-Türen-Modell. Die DIS AG ist TÜV-zertifiziert nach AZAV (Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung Arbeitsförderung) und betreibt eigene Akademien.

So funktioniert es:

Der Clou: Teilqualifizierungen (TQ1, TQ2 etc.) ermöglichen Einstiege in Halbjahresmodulen. Wer alle Module durchläuft, kann am Ende eine IHK-Prüfung ablegen und beispielsweise den Berufsabschluss als Industrieelektroniker erlangen. Aktuell läuft das Modell bereits in Bochum (60–70 Teilnehmende), Bremen, Chemnitz und Kassel – Rhein-Main und Stuttgart folgen. Marcus Haases klare Einladung: „Jeder Wettbewerber, der sagt ‘Qualifizierung ist sinnvoll’ – lasst uns miteinander sprechen.”

Diversifizierung: Vom Personaldienstleister zum Lösungsanbieter

Wer auch 2026 noch ausschließlich klassische Arbeitnehmerüberlassung verkauft, wird es schwer haben. Marcus Haase formuliert es klar: „Weg vom reinen Zeitarbeitsunternehmen, hin zum Lösungsanbieter.”

Konkrete Diversifizierungsfelder aus dem Gespräch:

Daniels Empfehlung an alle Inhaber: Fragt Eure Kunden, wo der Schuh drückt – und löst dieses Problem. Wenn Du das Problem des Kunden löst, ist der Preis sekundär.

KI in der Personaldienstleistung: Wie sieht die Software der Zukunft aus?

Marcus Haases Vision einer idealen Software ist ein End-to-End-Prozess ohne Schnittstellenbrüche: Ein Mikrofon läuft beim Kunden- und Kandidatengespräch mit, die KI transkribiert, schlägt passende Matches vor, erkennt Cross-Selling-Signale („der Kunde hat auch RPO-Interesse signalisiert”), erstellt automatisch Profile, Exposés und Stellenanzeigen – und spielt alles ins CRM und ERP zurück.

Der zweite Baustein: Predictive Analytics auf Basis von Markt- UND Unternehmensdaten. Beispiel: „Die Daten sagen mir, in einem halben Jahr brauchst Du Qualifikation X für 20 Mitarbeiter, weil in Deiner Branche XY passiert.”

Daniel ergänzt einen entscheidenden Punkt: Das echte Gold sind nicht die allgemeinen Internet-Daten, sondern Deine eigenen Unternehmensdaten – Auftragshistorien, Kundenverhalten, Mitarbeiter-Performance. Die Mischung aus internen Daten und Marktdaten ist der Hebel. Wer als Personaldienstleister jetzt KI-Kompetenz aufbaut, kann diese Kompetenz später sogar als eigene Dienstleistung an Kunden verkaufen – inklusive der Bereitstellung von KI-Agenten neben qualifizierten Mitarbeitenden.

Häufige Fragen zur Zukunft der Personaldienstleistung

Wie viele Insolvenzen wird es 2025 in der Zeitarbeit geben?

Daniel Müller prognostiziert für 2025 rund 500 Insolvenzen unter deutschen Personaldienstleistern – nach 350 im Jahr 2024. Hauptursachen sind dünne Margen, lange Zahlungsziele bei Großkunden, steigende Tariflöhne und ein insgesamt schrumpfender Zeitarbeitsmarkt. Aktuell beschäftigt die Branche zwischen 500.000 und 515.000 Zeitarbeitnehmer.

Was ist das Zwei-Türen-Modell der DIS AG?

Das Zwei-Türen-Modell kombiniert eine AZAV-zertifizierte Akademie (Tür 1) mit der klassischen Niederlassung (Tür 2). Kandidaten werden gemeinsam mit der Agentur für Arbeit qualifiziert – vor allem in Elektro, Lagerlogistik und KI – und anschließend in Zeitarbeit oder Personalvermittlung gebracht. Standorte gibt es in Bochum, Bremen, Chemnitz und Kassel, weitere folgen.

Was bedeutet Subsidiärhaftung in der Zeitarbeit?

Subsidiärhaftung bedeutet: Wenn ein Personaldienstleister Insolvenz anmeldet und noch offene Lohnsteuern oder Sozialabgaben hat, kann der Endkunde (Entleiher) dafür haftbar gemacht werden. Genau deshalb wechseln aktuell viele Kundenunternehmen zu finanziell stabilen, etablierten Dienstleistern – Sicherheit wird wichtiger als der niedrigste Preis.

Wie sollten kleine Personaldienstleister auf den Marktwandel reagieren?

Drei Hebel sind entscheidend: erstens Netzwerken und Auftragsteilung mit anderen Dienstleistern, zweitens Diversifizierung in RPO, Personalvermittlung, Outsourcing und Qualifizierung, drittens Aufbau von KI-Kompetenz im eigenen Recruiting- und Vertriebsprozess. Wer als Lösungsanbieter beim Kunden auftritt statt als reiner Personalverleiher, hat die besseren Chancen.

Wird das Helfergeschäft in der Zeitarbeit verschwinden?

Nein, aber es wird sich konzentrieren. Marcus Haase erwartet eine Verlagerung auf bestimmte Branchen und Regionen sowie eine Effizienzsteigerung durch Robotik und KI. Wachstum sieht er klar bei Fach- und Führungskräften – Bereiche, in denen die DIS AG seit 1997 mit Office & Management, Finance, IT und Industrial Solutions positioniert ist.

Fazit

Die Personaldienstleistung steht an einem Wendepunkt. Wer auch in den nächsten Jahren erfolgreich sein will, kommt um drei Themen nicht herum: aktive Netzwerk-Kooperation statt Verdrängungswettbewerb, echte Diversifizierung über klassische Zeitarbeit hinaus und konsequenter Aufbau von KI-Kompetenz. Marcus Haase und die DIS AG zeigen mit dem Zwei-Türen-Modell und dem Weg zum Lösungsanbieter, wie das praktisch aussieht. Daniels Empfehlung aus über 20 Jahren Branchenerfahrung: Sprich mit Deinen Kunden über deren Probleme, nicht über Deine Preise. Und mach den ersten Schritt ins Netzwerk – allein wirst Du diese Transformation nicht stemmen.

Die ganze Folge hören

Die komplette Episode „What’s Next in der Personaldienstleistung” mit Marcus Haase, Vorstand der DIS AG, findest Du auf YouTube (Video oben im Artikel) sowie auf Apple Podcasts, Spotify, Amazon Music und Deezer. Folge „Liebe Zeitarbeit”, teile die Episode mit Kolleginnen und Kollegen und vernetze Dich mit Marcus Haase auf LinkedIn (Schreibweise: Marcus mit C).

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