Das Wichtigste in Kürze
- Annette Hoppmann ist seit 1998 in der Personaldienstleistung tätig, seit 2000 selbständig und hat ihr Zeitarbeitsunternehmen in Wuppertal auf bis zu 120 externe Mitarbeiter aufgebaut.
- Ihr Leitsatz in der Personalberatung lautet: keine Vermittlung um jeden Preis. Wenn der Wechselgrund eines Kandidaten nicht trägt, rät sie ihm ab – auch wenn sie damit auf Honorar verzichtet.
- Rund 95 Prozent ihres Geschäfts läuft heute über Direktansprache. Für sie ist das Vertrauen, das Kandidaten ihr dabei schenken, ein Geschenk und zugleich eine Verantwortung.
- Zeitarbeit (AÜ) und Personalvermittlung gleichzeitig zu betreiben, sieht sie kritisch: „Wenn Du beides auf einmal machst, ist beides nur halb gut.”
Wer ist Annette Hoppmann – und warum lohnt sich dieses Gespräch?
Kennst Du das, wenn Du jemanden triffst und nach fünf Minuten weißt: Diese Person hat Haltung? Genauso ging es mir mit Annette Hoppmann bei einer Coveto-Veranstaltung. Wir haben am Tisch gesessen, uns ausgetauscht – und daraus ist diese Podcast-Folge entstanden.
Annette ist seit 25 Jahren in der Personaldienstleistung unterwegs, davon über 20 Jahre selbständig. Sie kommt eigentlich aus dem Callcenter-Management, hat 1998 in Irland ein European Headquarter mit aufgebaut und ist dann eher zufällig in die Zeitarbeit gerutscht. Heute macht sie Personalberatung mit einem sehr klaren Kompass: Werte vor Provision. Genau darüber sprechen wir – und über das, was viele in unserer Branche vielleicht denken, aber selten so offen sagen.
Vom Callcenter in die Zeitarbeit: ein untypischer Einstieg
Annette hat die Stellenanzeige „Personaldisponentin in Düsseldorf” gesehen und dachte, das sei so etwas wie eine Personalreferentin. Das Vorstellungsgespräch lief am Telefon, den Job hatte sie sofort. Als sie ankam, war das Tagesgeschäft plötzlich Akquise, Recruiting und die volle Bandbreite der Arbeitnehmerüberlassung.
Nach drei, vier Monaten in Düsseldorf fragten die Geschäftsführer, ob sie sich zutraut, eine neue Niederlassung in Wuppertal aufzubauen. Sie sagte ja – ohne Netzwerk, ohne Ortskenntnis, mit einer klaren Exit-Strategie im Hinterkopf: Wenn’s nicht klappt, gehe ich zurück ins Callcenter.
Was ich an dieser Stelle bemerkenswert finde: Sie hat bei einem Kunden einen Staplerschein gemacht und einen Tag an der CNC-Maschine gestanden. Als Frau. Ende der 90er. „Ich wollte in die Tiefe der Menschen gehen. Ich liebe es zu verstehen”, sagt sie. Genau das ist der Punkt, den viele Disponenten heute vermissen – und der bessere Personalauswahl überhaupt erst möglich macht.
Selbständigkeit aus Zufall – und der harte Bruch nach elf Jahren
Im Jahr 2000 gründet Annette mit ihrem ehemaligen Personaldisponenten ein eigenes Unternehmen. 50/50, klare Aufteilung: er das Betriebswirtschaftliche, sie das operative Geschäft und den Vertrieb. Bis zu 120 externe Mitarbeiter, gute Kunden, ein Team, das mitgegangen ist. Auch die Finanzkrise haben sie durchgestanden.
2011 kommt der Bruch. Ihr Partner steht vor ihr und sagt: „Kaufen oder verkaufen. Ich möchte nicht mehr.” Annette weiß in dem Moment: Das komplette Unternehmen alleine zu führen, ohne die betriebswirtschaftliche Seite selbst gemacht zu haben – das wäre nicht ihr Weg. Sie verkauft ihre Anteile.
„Ich habe alles verloren. Mein Unternehmen, mein Partner, mein Team.” — Annette Hoppmann
Vier Monate, dann war das Kapitel zu. Dazu kam eine private Trennung. Was heute wie eine saubere Geschichte klingt, war damals eine harte Zeit. Und trotzdem sagt sie im Rückblick: Es war die richtige Entscheidung. Nur erkennen konnte sie das erst später.
Warum Personalberatung nicht um jeden Preis funktioniert
Ab 2012 baut Annette ihre Personalberatung auf – ausgelöst durch einen einzigen Kunden, der sie bat, für ihn intern Personal zu suchen. Heute macht sie das zu rund 95 Prozent über Direktansprache. Und genau hier wird ihr Wertekompass sichtbar.
Ein Beispiel aus dem Podcast: Monatelang sucht sie in einer bestimmten Region einen Kandidaten. Endlich findet sie einen mit sieben Monaten Betriebszugehörigkeit, großartiger Lebenslauf. Im Gespräch merkt sie: Der Mann ist eigentlich glücklich. Nur weil sein Arbeitgeber verkauft wurde, hat er Angst und will wechseln. Annette rät ihm: „Warte einfach ab. Du musst jetzt nichts entscheiden.”
Ehrlich – wie viele Berater hättest Du gekannt, die diesen Deal nicht mitgenommen hätten? Ihr Argument ist so einfach wie unbequem: „Ich habe eine Verantwortung. Wenn der Wechselgrund von 100 Prozent nur fünf ist, bringt das weder dem Kandidaten noch meinem Mandanten etwas.”
AÜ und Personalvermittlung: die klare Ansage
Der GVP propagiert derzeit stark, dass Zeitarbeitsunternehmen die Personalvermittlung als zweites Standbein ausbauen sollen. Ich sehe das differenziert – und Annette auch. Ihre Aussage im Podcast finde ich pointiert:
„Wenn Du beides auf einmal machst, ist beides nur halb gut.”
Sie hat es selbst erlebt. Solange sie zu 100 Prozent im Tagesgeschäft der Arbeitnehmerüberlassung war, war die Vermittlung Nebenprodukt. Erst als klarer Fokus dazukam, wurde daraus ein Geschäft. Das heißt nicht, dass ein zweites Standbein falsch ist – es heißt, dass Du strukturell trennen musst. Eigene Köpfe, eigene Prozesse, eigenes Mindset. Sonst bleibt eins von beiden auf der Strecke.
Was Annette in der Branche seit der Pandemie beobachtet
Ihre Wahrnehmung deckt sich mit dem, was ich in vielen Beratungsgesprächen höre: Der Markt polarisiert. Auf der einen Seite Kandidaten, die sagen: „Das Leben ist kein unbefristeter Mietvertrag, ich möchte jetzt was verändern.” Auf der anderen Seite die, die aus Angst in einer Komfortzone bleiben, die längst keine mehr ist – „aber sie ist ihnen vertraut”.
Für die Personalberatung heißt das: Du musst noch genauer hinhören. Wechselgrund ist nicht gleich Wechselgrund. Und wer wirklich passen soll, den erkennst Du nur, wenn Du in die Tiefe gehst – bei Mandant und Kandidat.
Häufige Fragen zu Personalberatung mit Werten
Was bedeutet „Personalberatung mit Werten” konkret?
Es bedeutet, dass die Beraterin oder der Berater nicht jede Vermittlung annimmt, nur weil sie honoriert wird. Wenn ein Kandidat eigentlich zufrieden ist, wenn ein Wechselgrund nicht trägt oder wenn Mandant und Bewerber nicht passen, wird abgeraten. Annette Hoppmann lehnt in solchen Fällen ab – auch wenn sie damit auf Umsatz verzichtet. Grundlage ist Transparenz gegenüber beiden Seiten.
Kann man Zeitarbeit und Personalvermittlung gleichzeitig erfolgreich betreiben?
Grundsätzlich ja, aber nicht mit denselben Köpfen und Prozessen. Annette Hoppmann sagt im Podcast klar: „Wenn Du beides auf einmal machst, ist beides nur halb gut.” Wer ein zweites Standbein aufbauen will, braucht dedizierte Ressourcen, eigene Zielgruppen und ein anderes Mindset. Sonst leidet meistens die Personalvermittlung, weil das Tagesgeschäft der AÜ operativ dominanter ist.
Wie erkennt eine Personalberaterin einen tragfähigen Wechselgrund?
Durch tiefe Gespräche statt Standard-Briefings. Annette fragt: Was hast Du geliebt? Wo ist der Bruch? Was wären Deine unverzichtbaren Kriterien? Wenn im Gespräch klar wird, dass der Kandidat eigentlich zufrieden ist und nur aus Angst oder Ärger wechseln will, ist das ein Warnsignal. Ein tragfähiger Wechselgrund zeigt sich in konkreter Unzufriedenheit und einer klaren Vorstellung vom nächsten Schritt.
Warum ist Direktansprache so zentral in der modernen Personalberatung?
Weil die besten Kandidaten selten aktiv suchen. Rund 95 Prozent von Annettes Geschäft läuft über Direktansprache. Das bedeutet, dass Menschen ihr Vertrauen schenken, obwohl sie gar nicht wechseln wollten. Genau daraus entsteht Verantwortung: nicht jeden angesprochenen Kandidaten in ein Profil zu pressen, sondern ehrlich zu prüfen, ob der Wechsel für beide Seiten Sinn macht.
Wann gilt eine Vermittlung als wirklich gelungen?
Wenn Kunde und Kandidat mit Freude ja sagen – und wenn die Zusammenarbeit nach drei bis sechs Monaten immer noch trägt. Annette ruft in diesem Zeitfenster nach und fragt aktiv nach. Besonders wertvoll findet sie es, wenn Kandidaten mit nicht-linearem Lebenslauf eine Chance bekommen und sich im neuen Unternehmen wohlfühlen. Das ist für sie der eigentliche Erfolg.
Fazit
Personalberatung mit Werten ist kein Marketing-Slogan, sondern eine Haltung. Annette Hoppmann zeigt in dieser Folge, wie das in der Praxis aussieht: tief in Mandant und Kandidat eintauchen, unbequeme Wahrheiten aussprechen und auch mal Nein sagen. Genau diese Haltung fehlt mir in Teilen unserer Branche – und genau deshalb war mir dieses Gespräch wichtig. Wer nach 25 Jahren immer noch mit dieser Klarheit unterwegs ist, hat für Inhaber, Geschäftsführer und Berater einiges an Substanz anzubieten. Hör Dir die Folge an. Sie ist eine der tiefgründigsten, die ich in den letzten 900 Episoden aufgenommen habe.
Die ganze Folge hören
Die komplette Episode #874 mit Annette Hoppmann findest Du auf YouTube (der Player steht oben in diesem Beitrag) sowie überall dort, wo es Podcasts gibt: Apple Podcasts, Spotify, Amazon Music und Deezer. Einfach „Liebe Zeitarbeit” abonnieren – dann verpasst Du keine Folge.
