Factory as a Service: Wie Zeitarbeit zum Problemlöser wird – Liebe Zeitarbeit

Roger Lothmann erklärt bei Liebe Zeitarbeit, wie Factory as a Service Personaldienstleister vom Lieferanten zum echten Problemlöser macht. Jetzt reinhören.

Das Wichtigste in Kürze

Warum dieses Gespräch für jeden Personaldienstleister zählt

Mal ehrlich: Die Branche hat sich halbiert. Und die meisten von uns tun so, als wäre das ein normales Konjunkturtief. Ist es nicht. In Episode 870 sitze ich bei Quip in den Hallen und spreche mit Roger Lothmann – für viele „eine große Größe aus der Zeitarbeit”. Roger hat 1999 Sequenzus gegründet, 2016 die Mehrheit an House of HR verkauft und dort acht Jahre lang als CEO Deutschland eine Milliarde Umsatz mitverantwortet. Nach drei Jahren Pause ist er jetzt Gesellschafter der Quip – und macht dort etwas, das die meisten Personaldienstleister nicht auf dem Schirm haben: Factory as a Service. Warum das mehr als eine Nische ist, worum es geht und was Du daraus für Deinen Laden mitnehmen kannst – darum geht es hier.

Was ist Factory as a Service – und warum passt es zur Zeitarbeit?

Kurz gesagt: Quip ist ein Maschinenbauer ohne eigenes Produkt. Kunden bringen ihre Aufträge, Quip baut auf 58.000 m² Gesamtfläche die Maschinen – vom Einkauf der Materialien bis zur Inbetriebnahme beim Endkunden in Taiwan. Halbleiterindustrie, Medizintechnik, Filtertechnik, Abfüllanlagen, Wasserstoff-Elektrolyseanlagen, Prototypenbau. Alles dabei.

Der Clou für uns Personaldienstleister: Rund 50 Prozent der eigenen Personaldienstleistungs-Umsätze werden in der eigenen Fabrik erzeugt. Roger sagt dazu klar: „Der Kunde ist ja der eigene Arbeitgeber.” Heißt: Du kennst Deine Leute wirklich. Du siehst den Industriemechaniker jeden Tag an der Maschine. Du weißt, wen Du getrost zum externen Kunden schickst. Das ist eine Qualität der Arbeitnehmerüberlassung, die Du mit einer klassischen Niederlassung so nie hinbekommst.

Und es funktioniert in beide Richtungen: Läuft ein externer Auftrag hoch, holt Roger seine Fachkräfte kurz aus der eigenen Produktion raus. Fehlen intern Leute, greift er auf Kollegen wie Time Partner zu – aktuell 40 Zeitarbeitnehmer im Einsatz. Diese Flexibilität ist das eigentliche Modell.

Roger Lothmanns Comeback: Vom House-of-HR-CEO zurück in die Fabrik

Drei Jahre Pause. Roger dachte selbst, er wäre eher in Rente als in einer Auszeit. Dann kam Ende letzten Jahres der Anruf des ehemaligen Vorstands der Quip. Roger’s erste Reaktion, ganz ehrlich: „Ob er einen Puls habe.” Aus einem Kaffee wurden viele. Neun Monate später übernimmt er als Gesellschafter.

Was ihn gereizt hat, ist genau der Punkt, den viele von uns aus der klassischen Zeitarbeit kennen: Man sieht nie ein Produkt. Man liefert Stunden. Roger sagt: „Das ist eigentlich für mich wieder so ein bisschen in meine Anfängerzeit zurückgesetzt.” Rein in die Betriebe, hinsetzen, die Produktion angucken, spüren wie warm oder kalt es ist – und dann entscheiden, welcher Mitarbeiter passt. Diese Nähe kriegst Du im Konzern nicht mehr. Bei Quip schon.

In den ersten vier Wochen: 50 Facharbeiter eingestellt. 90 werden noch gebraucht. Auftragsbestand hoch. Recruiting-Fokus knallhart. Das ist kein Gesellschafter-Job im klassischen Sinne – das ist Krempel-die-Ärmel-hoch.

Diversifikation: Warum reine Arbeitnehmerüberlassung nicht mehr reicht

Und jetzt kommt der Punkt, der jeden Inhaber betrifft. Der Markt hat sich halbiert. Roger sagt trocken: „Das sollte man eine andere Branche machen – die hätten schon lange aufgeschrien.” Wir sind zu leise. Und irgendwie freuen sich sogar manche darüber.

Was hilft? Aufhören zu denken, wir seien reine AÜ-Lieferanten. Roger’s Überschrift: „Was kann man für den Kunden einfach noch mehr machen?” Bei Quip sind das Telefonzentralen, Meetingräume, komplette Strukturen. Bei einem Automotive-Kunden waren es damals Testfahrer – ein Auftrag, der irgendwann in einer kompletten Betreuungsstruktur mündete. Ich kenne das aus eigener Zeit: Testfahrer gesucht, Bewerberlawine bekommen. Plötzlich hattest Du einen Talentpool für ganz andere Themen.

Du musst nicht gleich 58.000 m² Halle anmieten. Aber Du solltest Dich fragen: An welcher Stelle löse ich beim Kunden ein Problem, das über „ich schick Dir Mitarbeiter A für Position B” hinausgeht? Contracting, Werkverträge, Prozessübernahme, Qualitätsdienstleistungen – alles Türen, die anders aufgehen als das klassische „PR Personal, ja, nein, danke”.

Fachkräftemangel und Marktumbruch: Was Roger jetzt anders macht

Interessant: Roger profitiert gerade davon, dass der Maschinenbau leidet. Ein paar Wettbewerber wackeln, gute Facharbeiter kommen frei. Zusätzlich läuft International Recruitment über Time Partner – Roger ist Fan davon, sagt aber ehrlich: „Es klingt einfacher als es ist. Struktur neben der Struktur. Teurer als die andere Variante.”

Sein Rat an alle Inhaber, die gerade im Loch sitzen: Optimismus. Er selbst merkt, dass die gewerbliche Personaldienstleistung mit rund 500 Beschäftigten aktuell sehr gut läuft – und das nicht nur wegen der eigenen Fabrik. „Man merkt, da ist irgendwas.” Der Boden könnte erreicht sein.

Aber – und das ist der wichtige Zusatz von Christian Baumann, aktueller CEO bei House of HR Deutschland, den Roger im Gespräch aufgreift: Dieser Aufschwung wird härter als frühere. Kurzarbeit-Parken funktioniert nicht mehr wie früher. Wer jetzt sein Personal verliert, hat es später schwer zurückzuholen. Wie bei den Kellnern nach Corona: Ein Teil kommt zurück, viele nicht.

Ausblick: Wo Quip in drei bis fünf Jahren steht

Roger’s Plan ist klar: 100 Millionen Euro Umsatz in drei Jahren. Weitere Standorte, immer in Kundennähe, immer mit Personaldienstleistung drumherum. Keine reinen PDL-Niederlassungen mehr auf der grünen Wiese, sondern: Produktionsstätte plus Personaldienstleistung – als Paket.

Damit ist Quip kein klassischer Personaldienstleister mehr, sondern ein spezialisierter Dienstleister, der Industriemechaniker, Elektroniker für Energieanlagen, Techniker und Ingenieure aus der eigenen Fabrik überlässt. Höhere Verrechnungssätze, höhere Qualität, echte Bindung. Das ist die Zukunft, die er zeichnet – und ich glaube, da ist mehr dran, als viele wahrhaben wollen.

Häufige Fragen zu Factory as a Service in der Personaldienstleistung

Was bedeutet Factory as a Service konkret?

Factory as a Service beschreibt ein Modell, bei dem ein Dienstleister für seine Kunden komplette Produktions- oder Maschinenbau-Prozesse übernimmt – vom Materialeinkauf über die Fertigung bis zur Inbetriebnahme beim Endkunden. Bei Quip heißt das: Hightech-Maschinenbau in eigenen Räumlichkeiten, kombiniert mit der eigenen Personaldienstleistung als flexibler Kapazitätspuffer.

Wie profitiert eine Zeitarbeitsfirma von einem angeschlossenen Produktionsbetrieb?

Du siehst Deine Mitarbeiter jeden Tag beim Arbeiten. Du kennst ihre echte Qualifikation, nicht nur den Lebenslauf. Rund 50 Prozent der Personaldienstleistungs-Umsätze laufen bei Quip in die eigene Fabrik – das gibt Auslastungssicherheit, Du kannst atmen und bei externen Kundenspitzen intern flexibel umschichten.

Ist Factory as a Service für kleine Personaldienstleister überhaupt umsetzbar?

Nicht in Quip-Dimension – aber der Gedanke schon. Roger empfiehlt, klein anzufangen: Telefonzentralen stellen, Meetingräume betreuen, Prozesse übernehmen. Es geht darum, vom reinen AÜ-Lieferanten zum Problemlöser zu werden. Auch mit 80 Mitarbeitern kannst Du Kunden Dienstleistungen anbieten, die über klassische Zeitarbeit hinausgehen.

Wer war Roger Lothmann vor seinem Einstieg bei Quip?

Roger Lothmann hat 1995 als 21-jähriger Niederlassungsleiter in Düren angefangen, 1999 Sequenzus gegründet, 2016 die Mehrheit an House of HR verkauft und dort bis 2023 als CEO Deutschland eine Milliarde Euro Umsatz mit verantwortet. Er ist weiterhin Gesellschafter der House of HR Group in Belgien und seit 2025 Gesellschafter der Quip.

Wie stark ist der deutsche Zeitarbeitsmarkt geschrumpft?

Der Markt hat sich laut Roger Lothmann in etwa halbiert – ein Rückgang, den keine andere Branche so still hinnehmen würde. Für Inhaber heißt das: Wer sich nicht bewegt, neue Dienstleistungen entwickelt und sich als Problemlöser positioniert, wird beim nächsten Aufschwung nicht wieder in alter Größe dabei sein.

Fazit

Factory as a Service ist mehr als ein hübscher Begriff aus der Nische. Es ist ein Denkmuster: Du bist nicht nur der Typ mit dem AÜ-Vertrag, Du bist der, der beim Kunden Probleme löst. Roger Lothmann zeigt bei Quip, wie weit man das treiben kann – 6.000 m² Produktion, 800 Beschäftigte, Halbleiter, Medizintechnik, weltweite Inbetriebnahme. Für Deinen Laden musst Du das nicht in dieser Größe kopieren. Aber die Frage „was kann ich für meinen Kunden noch mehr machen” gehört ab morgen auf Deinen Schreibtisch. Der Markt hat sich halbiert. Wer jetzt nur klassische Arbeitnehmerüberlassung anbietet, wird beim Aufschwung dünn dastehen. Wer jetzt diversifiziert, wird gewinnen.

Die ganze Folge hören

Episode 870 von Liebe Zeitarbeit gibt es in voller Länge auf YouTube (Video-Version mit Einblicken aus den Quip-Hallen), sowie überall dort, wo es Podcasts gibt: Apple Podcasts, Spotify, Amazon Music und Deezer. Roger Lothmann erreichst Du direkt über LinkedIn – er hat im Gespräch ausdrücklich gesagt, dass jeder Kollege ihn kontaktieren darf.

← Zurück zum Blog

Passend dazu