Zeitarbeit in der Krise: Was jetzt wirklich zählt – Liebe Zeitarbeit

Zeitarbeit in der Dauerkrise seit 2019: Martin Dreyer (GVP) über Rückgang von 40 %, politische Hebel und was Personaldienstleister jetzt tun müssen. Jetzt reinhören.

Zeitarbeit in der Krise: Was Personaldienstleister jetzt tun müssen

Die Branche steckt tiefer in der Klemme als jede Krise der letzten 20 Jahre – und trotzdem warten viele Unternehmer auf einen Impuls von außen. Martin Dreyer, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der Personaldienstleister (GVP), begleitet die Zeitarbeit seit 22 Jahren. Im Podcast spricht er mit Daniel Müller offen über das, was politisch hakt, was Unternehmen selbst tun müssen und warum Diversifizierung keine Option mehr, sondern Voraussetzung ist. Du bekommst hier die wichtigsten Erkenntnisse aus 52 Minuten Gespräch – verdichtet, einordbar, anwendbar.

Warum die Zeitarbeitskrise schon 2019 begann

Die aktuelle Krise ist kein konjunktureller Ausrutscher. Nach Dreyers Einschätzung war der strukturelle Bruch bereits 2019 sichtbar – wurde aber durch die Pandemie und milliardenschwere Hilfsprogramme zugedeckt. Ein möglicher Aufholprozess sei dann durch den Ukrainekrieg abgewürgt worden.

Anders als 2008/2009 erlebt die Branche heute kein V, sondern eine Dauerseitwärtslage mit Abwärtstrend. „Die Finanzkrise war ein V. Da ging es stark runter und dann wieder stark rauf“, sagt Dreyer. Heute fehlt dieser Rebound.

Die Zahlen sind eindeutig: Anfang 2018 zählte die eigene Branche rund 900.000 Zeitarbeitskräfte, aktuell sind es etwa 515.000. Das entspricht einem Rückgang von rund 40 Prozent – eine Dimension, die Dreyer in 22 Jahren so nicht erlebt hat. Gleichzeitig betont er: Es gibt Personaldienstleister, die wachsen. Die Trennlinie verläuft zwischen denen, die ihr Geschäftsmodell anpassen, und denen, die hoffen, dass es schon wieder wird.

Was die Bundesregierung wirklich liefert – und was nicht

Auf einem Schulzeugnis nach knapp einem Jahr neuer Bundesregierung würde Dreyer „eher eine Vier“ vergeben. Im Bereich Arbeits- und Sozialrecht – also genau dort, wo die Personaldienstleistung lebt – stehen wenig Signale, die begeistern.

Positiv bewertet er die grundsätzliche Erkenntnis, dass Lohnnebenkosten zu hoch sind, sowie die angestoßene Gesundheitsreform und eine angekündigte Rentenkommission. Klar negativ wertet er die Entscheidungen des Vorjahres zu Haltelinie und Mütterrente: „Es waren alles Dinge, die in die falsche Richtung gegangen sind.“

Der Knackpunkt: Tempo. Investoren und Unternehmen bräuchten heute schnelle Veränderung – Deutschland aber bleibt der „dicke Tanker“. Dreyer kritisiert deutlich, dass Bundesjustizministerin Hubig sich öffentlich mit dem Thema Schwarzfahren befasst, statt die im Koalitionsvertrag vereinbarte Abschaffung von Schriftformen voranzutreiben. Auch das Arbeitszeitgesetz müsse endlich angepackt werden.

Die Klassiker im AÜG: Was der GVP weiter fordert

Dreyer nennt drei Regelungen, die der GVP nicht aufgeben wird, auch wenn sie politisch derzeit nicht im Fokus stehen:

§ 40 AÜG – muss aus seiner Sicht komplett gestrichen werden. Die bisherigen Reformansätze der Vorgängerregierung seien für die Praxis „komplett unbefriedigend“ gewesen.

Verbot der Drittstaatenrekrutierung – ein rechtshistorisches Relikt. Es geht hier um Fachkräfte und Experten, nicht um Massenanwerbung von Helfern. „Wir reden uns den Mund fusselig“, so Dreyer.

Bauhauptgewerbe-Verbot – eingeführt 1982. „Da war ich neun Jahre alt“, sagt Dreyer trocken. Branche und AÜG haben sich seitdem fundamental verändert.

18-monatige Überlassungshöchstdauer – politisch eingefangen durch eine Wahlarena-Szene mit Angela Merkel 2013. Dreyers Logik: Wer 18 Monate im Einsatz ist und längst im Equal Pay arbeitet, wird von allen drei Beteiligten gewollt. Den Mitarbeiter dann herauszunehmen, sei „jenseits aller Logik“.

Die Erfolgsgeschichte: Die Streichung der Schriftform beim Überlassungsvertrag kam überraschend – aber sie zeigt, dass Bohren wirkt.

Was Personaldienstleister jetzt selbst tun müssen

Hier sind sich Dreyer und Daniel Müller einig: Wer auf politische Wunder wartet, verliert. „Es kommt kein Reiter auf dem goldenen Pferd“, fasst Daniel zusammen. Vier Hebel rücken in den Fokus:

  1. KI und Digitalisierung.. Dreyer vergleicht KI mit dem Internet vor 25 Jahren: „Wenn man dann mit Verfax arbeitet, ist man nicht mehr wettbewerbsfähig.“ Wer heute keine KI-Strategie hat, fährt mit angezogener Handbremse.
  2. Diversifizierung.. Die 900.000er-Marke kommt laut Dreyer wahrscheinlich nicht zurück. Personalvermittlung, Personalentwicklung und Freelancer-Modelle gehören für ihn zur modernen Personaldienstleistung. „Mehrere Standbeine sind besser als eines.“
  3. Kostenstruktur.. Wettbewerbsfähigkeit beginnt im eigenen Haus – bei Prozessen, Personalkosten, Effizienz.
  4. Ausbildung.. Die Zahl der PDK-Ausbildungsverträge ist rückläufig. Gerade jetzt, wo gute interne Fachkräfte fehlen, ist Ausbildung Investition in den eigenen Nachwuchs – und Wertschätzung gegenüber bestehenden Mitarbeitern.

Verband, Veranstaltungen und das Netzwerk-Prinzip

Der GVP setzt 2026 auf neue Formate. Am 23. Juni findet in Berlin die Mitgliederversammlung mit anschließendem Tag der Personaldienstleistung und Sommerfest statt – inklusive Gremienwahlen für Vorstand, Tarifkommission und Einigungsstelle.

Neu ist ein Think-Tank-Format am 29.09. in Erlangen, bewusst im kleineren Kreis und regional ausgebaut. Am 24./25.11. folgt die Personalvermittlungs- und Recruiting-Veranstaltung in Mannheim. Am 3. Juni informiert der Karrierekompass von 10:00 bis 12:15 Uhr über die Ausbildung zum Personaldienstleistungskaufmann/-frau bis hin zum Bachelor Human Resource Management.

Daniels Appell an die Branche: „Im Netzwerk liegt die Kraft.“ Wer behauptet, keine Zeit zu haben, priorisiert falsch. Ein einziger Impuls von einer Veranstaltung kann das Geschäft verändern.

Häufige Fragen zur Zeitarbeitskrise

Wann begann die aktuelle Krise der Zeitarbeit wirklich?

Nach Einschätzung von Martin Dreyer (GVP) begann die strukturelle Krise bereits 2019. Sie wurde durch die Pandemie und staatliche Hilfen zunächst verdeckt. Ein möglicher Aufholprozess wurde durch den Ukrainekrieg gestoppt. Seitdem befindet sich die Branche in einer Dauerkrise – anders als 2008/2009, wo es eine klare V-förmige Erholung gab.

Wie stark ist die Beschäftigung in der Zeitarbeit zurückgegangen?

Die Zahl der Zeitarbeitskräfte in der eigenen Branche lag Anfang 2018 bei rund 900.000 und ist bis heute auf etwa 515.000 gesunken. Das entspricht einem Rückgang von rund 40 Prozent. Ob die Vorkrisenwerte je wieder erreicht werden, hält Dreyer für fraglich – Diversifizierung sei daher unausweichlich.

Welche AÜG-Regelungen will der GVP abschaffen oder reformieren?

Der GVP setzt sich weiter für die komplette Streichung von § 40 AÜG ein, für das Ende des Verbots der Drittstaatenrekrutierung, die Abschaffung des Bauhauptgewerbe-Verbots aus dem Jahr 1982 sowie für eine grundlegende Überarbeitung der 18-monatigen Überlassungshöchstdauer. Erfolg gab es zuletzt mit dem Wegfall der Schriftform beim Überlassungsvertrag.

Was sollten Personaldienstleister jetzt strategisch tun?

Nicht warten. Dreyer und Daniel Müller empfehlen vier Hebel: KI- und Digitalisierungsstrategie konsequent umsetzen, das Geschäftsmodell durch Personalvermittlung, Personalentwicklung oder Freelancer-Modelle diversifizieren, die eigene Kostenstruktur wettbewerbsfähig aufstellen und in Ausbildung investieren. Wer auf politische Reformen wartet, verliert wertvolle Zeit.

Lohnt sich PDK-Ausbildung trotz angespannter Marktlage?

Ja. Die Zahl der Ausbildungsverträge ist rückläufig, gleichzeitig fehlen vielen Personaldienstleistern weiterhin gute interne Fachkräfte. Eigene Auszubildende sind langfristige Investition, Wertschätzung gegenüber dem Team und Möglichkeit, frische Impulse ins Unternehmen zu holen. Der GVP unterstützt mit Beratung, Karrierekompass und akademischen Anschlussangeboten bis zum Bachelor.

Fazit

Die Botschaft dieser Episode ist klar: Die Krise ist real, die politischen Hebel sind langsam – aber Du hast mehr Einfluss auf Deine Zukunft, als Du denkst. Wer jetzt KI implementiert, sein Geschäftsmodell verbreitert, seine Ausbildung wieder hochfährt und Netzwerke aktiv nutzt, gehört zu den 30 bis 40 Prozent der Personaldienstleister, die heute trotz Marktdruck wachsen. Der Rest wartet. Und Warten ist gerade der teuerste Strategiefehler, den Du machen kannst.

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