Warum die Zeitarbeit ihr Imageproblem selbst löst: Daniel Müller über Kommunikation, schwarze Schafe, fünf Wahrheiten und was Personaldienstleister jetzt tun.
Das Wichtigste in Kürze
Zeitarbeit hat ein Imageproblem. Das ist nichts Neues. Neu ist die These, die Daniel Müller in Episode 851 des Podcasts Liebe Zeitarbeit auf den Punkt bringt: Wir sind selbst schuld. Nach 23 Jahren in der Personaldienstleistung, 900+ Podcast-Episoden und unzähligen Gesprächen mit Inhabern und Geschäftsführern der Branche zieht Daniel eine klare Bilanz. Die Branche hat in den letzten Jahren viel geleistet – und viel zu wenig darüber gesprochen. Dieser Artikel fasst die Kernaussagen der Folge zusammen: Warum das Image bröckelt, welche fünf Wahrheiten Du kennen musst und was Du ab morgen konkret ändern kannst.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Aktuell arbeiten rund 520.000 bis 524.000 Menschen in der Zeitarbeit – ein Rückgang gegenüber den Spitzenwerten der letzten Jahre. Daniel rechnet damit, dass sich der Trend kurzfristig noch fortsetzen kann. Gleichzeitig gilt: „Wir haben es selbst in der Hand.” Denn ein wesentlicher Teil des Marktes ist noch nie bedient worden. Nach Daniels Einschätzung haben rund 50 bis 60 Prozent der Unternehmen in Deutschland noch nie Zeitarbeit eingesetzt.
Statt sich auf Bestandskunden zurückzuziehen und um den kleiner werdenden Kuchen zu streiten, sollten Personaldienstleister genau dort ansetzen. Diese Firmen kennen die moderne Zeitarbeit nicht – und ihre Zurückhaltung speist sich häufig aus Vorurteilen, die aus den 90ern und 2000ern stammen. Wer heute Akquise mit einer klaren Botschaft macht, findet blühende Felder. Und wer sich darüber wundert, dass diese Firmen nicht anrufen, muss verstehen: Sie haben schlicht kein aktuelles Bild von der Branche im Kopf. Das ist keine Marktkrise. Das ist eine Kommunikationskrise.
„Wir haben viel mehr Gutes gemacht und viel zu wenig darüber gesprochen.” Diesen Satz kann Daniel in nahezu jeder Podcast-Folge wiederholen. Das Radio spricht von „prekären Arbeitsverhältnissen”, die Politik nutzt Zeitarbeit als Wahlkampfthema, Talkshows laden nur selten Branchenvertreter ein – und die Branche schweigt.
Was fehlt, sind Gesichter, Zahlen und Geschichten. Der Ukrainer, der nach Jahren ohne Job über eine Zeitarbeitsfirma einen Ausbildungsbetrieb gefunden hat. Der Helfer, der über den Klebeeffekt in eine feste Anstellung gerutscht ist. Der Quereinsteiger, der on the Job zum Personaldienstleistungskaufmann qualifiziert wurde. Diese Stories existieren – in jedem Betrieb, in Deinem Betrieb.
Daniel wünscht sich seit Jahren, dass die großen Personaldienstleister aus der Deckung kommen, in Reichweite investieren, Interviews geben und den Verband GVP aktiv unterstützen, statt sich hinter ihm zu verstecken. Solange Medien und Politik das Narrativ schreiben und die Branche schweigt, gewinnen die lauten Kritiker. Jeder Post auf LinkedIn, jede Mitarbeiterstory, jedes offene Gespräch verändert das Bild. Fünf Prozent mehr Kommunikation von jedem Einzelnen – und der Ruf der Zeitarbeit dreht sich messbar.
Nicht alles ist ein Kommunikationsproblem. Vieles ist ein Verhaltensproblem. Daniel benennt die Baustellen klar:
Umgang mit Mitarbeitern. Wer Frust vom Kundengespräch eins zu eins an den externen Mitarbeiter weitergibt, verliert. „Was ist das Ziel des Gesprächs?” – diese Frage sollte jedem Anruf vorausgehen. Das Ziel ist selten, den Mitarbeiter anzuschreien. Das Ziel ist, dass er morgen wieder pünktlich auf der Arbeit steht. Bleib bei Dir, sprich in Ich-Botschaften, lass den Mitarbeiter zu Wort kommen. Auch bei Trennungen.
Umgang mit Kunden. Wenn Arbeitsschutz, Sicherheit oder Umgangston beim Kunden nicht stimmen, ist es Deine Aufgabe, das anzusprechen oder Mitarbeiter abzuziehen. Viel zu oft wurden Augen zugedrückt, weil Umsatz und Auftragsvolumen wichtiger schienen. Genau daraus entstehen die Geschichten, die später als „typische Zeitarbeit” durch die Medien geistern.
Umgang mit Bewerbern. 60 Prozent der Bewerber bekommen laut Daniel nie eine Rückmeldung auf ihre Bewerbung. Die Branche investiert erhebliche Summen in Recruiting-Kampagnen – und verspielt den ersten Eindruck mit Funkstille. Das ist nicht nur unhöflich, sondern unwirtschaftlich. Und es prägt die Meinung Tausender Menschen über Zeitarbeit.
Zivilcourage ist der Schlüssel. Wenn Du siehst, dass ein Kollege einen externen Mitarbeiter unangemessen behandelt, sprich es an. Nicht vor dem Mitarbeiter, aber im Nachgang. Kultur entsteht durch das, was Du duldest.
Daniel hat für die Folge fünf Kernwahrheiten zusammengetragen, die jede Diskussion über den Ruf der Zeitarbeit sachlich einordnen:
Die Handlungsanweisungen aus der Folge sind unbequem klar. Erstens: Poste über die guten Geschichten aus Deinem Betrieb. LinkedIn kostet nichts außer Mut. Zweitens: Melde jede Bewerbung ab, auch die abgelehnten. Es ist Grundhandwerk und rettet Deinen Ruf. Drittens: Sprich mit Deinen Mitarbeitern auf Augenhöhe, auch wenn Du gerade Druck vom Kunden hast. Viertens: Trenne Dich von Kunden, bei denen Arbeitsschutz oder Kultur nicht stimmen. Fünftens: Unterstütze den GVP – und tritt bei Interviewanfragen mutig auf, statt sie abzulehnen.
Wer sich in einem Betrieb wiederfindet, in dem schwarze Schafe den Ton angeben, hat zwei Optionen: verändern oder gehen. Beide sind legitim. Was nicht funktioniert, ist wegsehen und weitermachen wie bisher.
Weil die Branche über Jahrzehnte zu wenig aktiv kommuniziert hat. Medien, Politik und Kritiker schreiben das Narrativ, während viele Personaldienstleister schweigen. Dazu kommen einzelne schwarze Schafe, deren Fehlverhalten die gesamte Branche prägt. Wer das Image drehen will, muss selbst über die positiven Geschichten sprechen und Missstände intern konsequent ansprechen.
Nach Daniels Angaben liegt die Zahl aktuell bei rund 520.000 bis 524.000 Beschäftigten. Die häufig zitierten 700.000 sind veraltet. Die Branche befindet sich in einer Konsolidierungsphase, in der die Rückgänge zuletzt aber weniger stark ausfielen.
Nach Daniels Einschätzung haben etwa 50 bis 60 Prozent der Unternehmen in Deutschland noch nie Zeitarbeit eingesetzt. Statt sich nur an Bestandskunden zu orientieren, liegt genau hier ein enormes Wachstumsfeld. Voraussetzung: aktive Akquise und moderne Kommunikation, die alte Vorurteile aufbricht.
Wertschätzend und auf Augenhöhe kommunizieren, Bewerbern immer eine Rückmeldung geben, Frust nicht an Mitarbeitern auslassen und bei problematischen Kunden klare Kante zeigen. Zusätzlich: gute Mitarbeiterstories sichtbar machen – auf LinkedIn, in internen Kanälen und im Gespräch mit Kunden. Zivilcourage im Kollegenkreis ist der Multiplikator.
Der GVP ist mit rund 5.000 Mitgliedern einer der größten Wirtschaftsverbände in Deutschland und die zentrale Stimme der Branche gegenüber Politik und Medien. Wer austritt, schwächt genau die Instanz, die das Narrativ mitprägt. Für ein stärkeres Image braucht es mehr Mitglieder – und mehr Bereitschaft, den Verband öffentlich zu unterstützen.
Das Image der Zeitarbeit ist kein Schicksal, sondern das Ergebnis Deines täglichen Handelns – und Schweigens. Die Branche hat harte Fakten auf ihrer Seite: fairer Tarif, Klebeeffekt, Weiterbildung, Konjunkturpuffer, Einstiegschance. Was fehlt, sind Stimmen. Daniel Müller macht seit acht Jahren vor, wie es geht: sichtbar sein, klare Kante zeigen, Geschichten erzählen. Wenn nur fünf Prozent mehr Personaldienstleister mitziehen, verändert sich die Wahrnehmung messbar. Also: Poste diese Woche eine echte Mitarbeiterstory. Ruf den Bewerber zurück, den Du seit Tagen vor Dir herschiebst. Und melde Dich beim GVP. Das Image der Zeitarbeit beginnt bei Dir.
Episode 851 „Zeitarbeit hat ein Imageproblem – und wir sind selber schuld” gibt es als Video auf YouTube sowie als Audio-Podcast bei Apple Podcasts, Spotify, Amazon Music und Deezer. Die vollständige Folge geht tiefer auf Daniels persönliche Erfahrungen aus 23 Jahren Zeitarbeit ein – inklusive der Staplerfahrer-Geschichte, die zeigt, warum die zweite und dritte Chance ihre Grenzen hat.