Tarifentgelt 01.09.2026: Preise beim Kunden durchsetzen – Liebe Zeitarbeit

Tarifentgelt zum 01.09.2026: Wie Du als Personaldienstleister die Preiserhöhung beim Kunden durchsetzt. Strategien von E. Schröder & H. Gawlik. Jetzt reinhören.

Das Wichtigste in Kürze

Zum 1. September 2026 kommt die nächste Tarifentgelterhöhung in der Zeitarbeit. 15,33 Euro in der Entgeltgruppe 1. Die zweite Anpassung innerhalb eines Jahres. Und viele Personaldienstleister müssen jetzt zum dritten Mal in 2026 zum Kunden und den Stundenverrechnungssatz nach oben verhandeln. In dieser Folge sitze ich mit zwei echten Branchenkennern zusammen: Edgar Schröder, seit über 30 Jahren selbstständiger Berater der Zeitarbeit, und – zum ersten Mal bei mir im Podcast – Holger Gawlik, Fachberater im Hause Edgar Schröder, davor 18 Jahre im operativen Geschäft, zuletzt als Regionalleiter und Prokurist bei einem Top-25-Personaldienstleister. Wir sprechen darüber, wie Du die Preiserhöhung sauber durchbekommst, wo das Helfergeschäft gerade wirklich brennt und warum Vertrieb Deine Rettung ist.

Was ändert sich zum 01.09.2026 beim Tarifentgelt?

Zum 01.09.2026 greift die zweite Tarifentgeltanpassung aus dem Verhandlungsergebnis vom September 2025. Die erste kam zum 01.01.2026, jetzt folgt die zweite Stufe. In der Entgeltgruppe 1 landen wir bei 15,33 Euro brutto pro Stunde – gleichzeitig die Lohnuntergrenze nach der Rechtsverordnung.

Edgar bringt es auf den Punkt: „Bei Bestandskunden habe ich das 2026er Jahr an und für sich klargemacht.” Wer sauber gearbeitet hat, hat die zweite Stufe schon im Frühjahr 2026 in die Einzelüberlassungsverträge geschrieben. Zweite Zeile, neuer Verrechnungssatz ab 01.09.2026, fertig. Kein Kulturschock beim Kunden, keine hektischen Preisgespräche im August.

Und ganz ehrlich: Überraschung ist das keine. MDR, Bild, Westdeutsche Allgemeine – alle berichten, dass Zeitarbeitnehmer zum 1. September mehr Geld bekommen. Wer beim Kunden ankommt und der sagt „Höre ich zum ersten Mal”, hat vorher nicht kommuniziert. Punkt.

Warum das Helfergeschäft besonders unter Druck steht

Hier wird es ungemütlich. Edgar und Holger sehen bei Aktenprüfungen und Equal-Pay-Vergleichsfragebögen immer häufiger, dass der fest angestellte Stammbeschäftigte beim Kunden weniger verdient als der Zeitarbeitnehmer. In Ostdeutschland Trend seit Jahren, jetzt bundesweit.

Holger sagt klar: „Es wird immer schwieriger, das als Verkaufsargument mitzubringen, wenn der Preis eine große Rolle spielt.” Vor allem in der Logistik, wo die Margen beim Kunden selbst dünn sind. Rechne das mal durch: Bei rund 1,30 Euro Delta zwischen Direkteinstellung zum flächendeckenden Mindestlohn und Deinem Tarifentgelt-Verkaufspreis überlegt der Kunde sehr genau, ob er nicht selbst einstellt oder von fünf auf drei Köpfe reduziert.

Und dann kommt 2027. Wenn die Bundesregierung sachgrundlose Befristungen bis 48 Monate scharfschaltet und die Rechtsverordnung zur Lohnuntergrenze zum 30.09.2027 ausläuft, wird die Personaleinsatzstrategie der Auftraggeber komplett neu bewertet. Wir haben über 200.000 ungelernte Arbeitskräfte am Zeitarbeitsmarkt. Die Frage ist nicht mehr nur „Wie kriege ich die Preiserhöhung durch?”, sondern: Ist Helfergeschäft 2027 überhaupt noch tragfähig?

Wie setzt Du den neuen Stundenverrechnungssatz beim Kunden durch?

Der ehrlichste Satz kommt von Edgar: Wer im September 2026 in Panik ausbricht, hat vorher geschlafen. Sein Rezept ist Vertragsmanagement, nicht Feuerlöschen.

Der saubere Weg: Neuer Einzelüberlassungsvertrag mit zwei Preiszeilen. Zeile eins: Verkaufspreis auf Basis Tarifentgelt Januar 2026. Zeile zwei: Verkaufspreis ab 01.09.2026 – zum Beispiel 68 Cent höher. Steht drin, ist unterschrieben, keine Diskussion.

Was juristisch NICHT sauber ist: Die pauschale E-Mail „Wir passen gemäß AGB die Preise an”. Edgar verweist auf meine Folge mit Dr. Alexander Bissels – wenn die AGB-Klauseln das nicht sauber hergeben, kriegen Juristen Schnappatmung. „Hat schon immer funktioniert” ist kein rechtliches Fundament.

Der Vorteil heute: Du bist nicht allein auf dem Markt. Holger sagt: „Alle wollen mehr Geld aus unserer Branche.” Die Vorarbeit ist medial gemacht. Was Du trotzdem tun musst: rausfahren, priorisieren, die Top-Kunden zuerst. Und den einen oder anderen Problemkunden im Einzelfall lösen. „Ich kriege nie alles glatt hin”, sagt Holger. Aber den Großteil.

Kundenstruktur prüfen: Wo verdienst Du wirklich Geld?

Bevor Du für jeden Auftrag dankbar bist, mach die ehrliche Analyse. Holger nennt die Punkte, die viele Standorte übersehen:

Edgar ergänzt den strukturellen Blick: Wenn ein Schlüsselkunde 80 Prozent Deiner Ressourcen bindet und die restlichen 20 Prozent merken, dass sie Kunde B oder C sind, ist das kein Erfolgsmodell. Holger erzählt aus eigener Erfahrung: Großkunde verloren, Geschrei groß – ein halbes Jahr später weniger Köpfe, aber mehr Geld verdient. Weil sie akquiriert haben. Telefon, rausfahren, neue Kunden.

Und jetzt kommt der Punkt: Laut IAB-Betriebspanel setzen weit über 70 Prozent der Betriebe in Deutschland keine Zeitarbeit ein. Früher waren es über 80 Prozent. Da draußen ist ein Riesenmarkt, den Du noch nie angerufen hast.

Werkvertrag als Ausweg? Vorsicht Falle

Viele überlegen jetzt: Kann ich statt Arbeitnehmerüberlassung nicht einfach Werkvertrag machen? Edgar wird deutlich: Ein Werkvertrag hängt nicht am Zauberpapier. „Nur zu sagen, ich mache eine Überschrift Werkdienstvertrag und pro Stunde Verkaufspreis 32 Euro, ist kein Werkvertrag.” Du brauchst Pflichten- und Lastenheft, Ergebnissteuerung, Ergebnisverantwortung, Projektsteuerung.

Und: Der saubere Werkvertrag ist in der Regel NICHT günstiger als die klassische Arbeitnehmerüberlassung. Wer im Mischbetrieb einfach mal eben umflaggt, landet schnell bei Scheinwerkverträgen und verdeckter Arbeitnehmerüberlassung. Aktuelles Beispiel: Ein litauischer Anbieter hat 40 Berufskraftfahrer per Werkvertrag an eine deutsche Spedition überlassen. Zollprüfung, verdeckte Arbeitnehmerüberlassung, saftiges Bußgeld. Trotz deutscher AÜ-Erlaubnis.

Die zweite Alternative – Equal Treatment ab dem ersten Tag – ist im Helfergeschäft nur bedingt hilfreich, weil die Lohnuntergrenze eh gleichgeschaltet ist. Interessant wird das ab 01.10.2027, wenn die Rechtsverordnung ausläuft. Bis dahin: Kernkompetenz stärken, nicht Bauchladen aufmachen.

Vertrieb ist die Herz-Lungen-Maschine

Ich sag ganz ehrlich: Wer jetzt „krisenmäßig” zum Kunden fährt, erzeugt schon psychologisch Preisdruck. Der Auftraggeber versteht die Notwendigkeit nicht – „das ist ja dein Problem mit deinem Branchentarif”. Edgars Bild passt: Wenn Du bei Sixt ein Auto mietest, fragst Du auch nicht, warum der Tagespreis so ist. Da geht es um Verfügbarkeit.

Genau das ist der Hebel. Wenn Du über Neukundengewinnung neue Verträge zum September-2026-Preis abschließt, stellt sich die Frage nach der Tarifanpassung gar nicht mehr. Es ist einfach der aktuelle Verkaufspreis. Vertrieb – ob mit KI-Agent vorgeschaltet oder klassisch Face to Face – ist das, was Dich vom Tarifzyklus unabhängig macht.

Meine Beobachtung deckt sich mit Edgars: Der negative Bodensatz ist erreicht. In den letzten 8 bis 10 Wochen höre ich von Kunden „schwankt leicht nach oben”. Prognosen sprechen von rund 6 Prozent Umsatzwachstum in der Personaldienstleistung 2026 – geschuldet erfolgreicher Preispolitik und zwei arbeitsfreien Feiertagen auf dem Wochenende. Die 800.000 oder 900.000 Zeitarbeitnehmer sehen wir nicht mehr. Wir werden bei 500.000 bis 600.000 landen, kleinteiliger, aber wertiger.

Häufige Fragen zur Tarifentgelterhöhung 01.09.2026

Was ändert sich beim iGZ-Tarifentgelt zum 1. September 2026?

Zum 01.09.2026 greift die zweite Stufe der im September 2025 verhandelten Tarifentgelterhöhung. In der Entgeltgruppe 1 landen wir bei 15,33 Euro brutto pro Stunde. Diese Höhe entspricht gleichzeitig der Lohnuntergrenze nach der aktuellen Rechtsverordnung, die noch bis 30.09.2027 gilt. Für Personaldienstleister bedeutet das die dritte Preiskommunikation innerhalb eines Jahres.

Reicht eine E-Mail an den Kunden, um die Preise anzupassen?

Nein, in vielen Fällen nicht. Dr. Alexander Bissels hat in einer eigenen Podcast-Folge deutlich gemacht, dass pauschale AGB-Klauseln juristisch häufig nicht tragen. Wenn der Kunde ohne Widerspruch mitgeht, gut. Aber das rechtliche Fundament ist wackelig. Sauber ist die zweite Preiszeile direkt im Einzelüberlassungsvertrag oder ein persönliches Preisgespräch mit dokumentierter Zustimmung.

Ist Werkvertrag eine Alternative zur Preiserhöhung in der Arbeitnehmerüberlassung?

Nur bei echter Werkvertragskompetenz. Ein sauberer Werkvertrag braucht Pflichten- und Lastenheft, klare Ergebnissteuerung und Ergebnisverantwortung – und ist in der Regel nicht günstiger als die AÜ. Wer nur die Überschrift wechselt, riskiert Scheinwerkverträge und verdeckte Arbeitnehmerüberlassung. Aktuelle Fälle mit Bußgeldern zeigen, dass auch osteuropäische Anbieter mit deutscher AÜ-Erlaubnis darüber stolpern.

Warum ist das Helfergeschäft 2026 besonders schwierig?

In immer mehr Kundenbetrieben verdienen fest angestellte Stammbeschäftigte weniger als überlassene Zeitarbeitnehmer. Bei einem Delta von rund 1,30 Euro zum flächendeckenden Mindestlohn wird die Direkteinstellung für den Kunden rechnerisch attraktiver. Kommt 2027 die verlängerte sachgrundlose Befristung, verschärft sich die Lage weiter. Über 200.000 ungelernte Zeitarbeitnehmer sind betroffen.

Wie gewinne ich neue Kunden trotz Preisdruck?

Über 70 Prozent der Betriebe in Deutschland setzen laut IAB-Betriebspanel keine Zeitarbeit ein. Genau da liegt Dein Markt. Wer Neukunden gewinnt, verkauft direkt zum aktuellen September-2026-Preis – die Diskussion um Tarifanpassung entfällt komplett. Vertrieb bleibt die Herz-Lungen-Maschine der Zeitarbeit, ob mit vorgeschalteten KI-Agenten oder klassisch persönlich.

Fazit

Die Tarifentgelterhöhung zum 01.09.2026 ist keine Überraschung, sondern seit einem Jahr angekündigt. Wer sauber gearbeitet hat, hat sie längst in die Verträge geschrieben. Wer jetzt panisch rausfährt, hat vorher geschlafen – aber Lerngeld ist auch okay, denn 2027 und 2028 kommen die nächsten Stufen. Edgar und Holger machen klar: Das eigentliche Thema liegt tiefer. Kundenstruktur ehrlich prüfen, Kernkompetenz schärfen, Vertrieb hochfahren, Neukunden gewinnen. Das Helfergeschäft steht unter Druck, aber die Branche steht nicht am Abgrund. Wir werden kleinteiliger, wertiger, professioneller. Ärmel hoch – der Markt ist da.

Die ganze Folge hören

Die komplette Episode 865 mit Edgar Schröder und Holger Gawlik gibt es als Video auf YouTube (Kanal Liebe Zeitarbeit) und als Podcast bei Apple Podcasts, Spotify, Amazon Music und Deezer. Einfach nach „Liebe Zeitarbeit” suchen und abonnieren. Wenn Dir die Folge geholfen hat, freue ich mich riesig über eine Bewertung – die letzte ist schon anderthalb Jahre her.

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